Einfach nur eine Frage des “guten” Geschmacks?
Die Frage nach Geschirr oder Halsband spaltet den Hundehalter von Welt nicht wirklich. Zumindest wenn es nach rein geschmackliche Fragen wie Schönheit, Stil und ähnliches geht, ist für viele ganz klar: Halsband. Was anderes kommt uns nicht an den Hund.
Aus physiotherapeutischer Sicht ist die Frage nach Halsband oder Gerschirr ebenso schnell beantwortet: Geschirr.
Aber was soll nun das Problem mit Halsbändern sein, schließlich verwendet man schon immer Halsbänder. Halsband und Hund gehört ganz klar zusammen. Halsbänder von – bis. Sprich dicke, dünne, mit Stacheln, ohne Stacheln, Leder, Metall, Nylon, Neopren, Filz, Stoff … mit Applikationen, ohne … der Kreativität sind da definitiv keine Grenzen gesetzt.
Erstens: man trifft selten einen Hund der wirklich toll – anders: der wirklich gut an der Leine geht.
Schnell entgegenen die meisten Frauchen und Herrchen, Lieblingsköter gehe gar nicht viel an der Leine, sondern läuft immer frei. Schön, es gibt also noch Orte, da ist die Hundwelt in Ordnung. Bohrt man ein bisschen weiter, findet man schnell heraus, dass fast jeder seinen Hund an einer Straße an die Leine nimmt, in der Stadt haben viele Menschen wahrscheinlich nicht die Wahl ob Lieblingsköter an der Leine gehört oder nicht. Die Umgebung fordert es einfach. Im Dunkeln gehts an die Leine, jagende Hunde sind an der Leine, wenn man anderen Hunde, Jogger, Radfahrer begegnet, kommt die Liebling schnell wieder an die Leine.
Was sieht man nun, wenn Hund an die Leine kommt? Ganz einfach: Lieblingsköter zieht, Frauchen oder Herrchen hängen dahinter und haben Schwierigkeiten nachzukommen. Viele Hunde entwickeln gerade hier einen starken Vorwärtsdrang und ein beinahe konstanter Zug bzw Druck wirkt auf das Halsband bzw den Hals. Weiter sieht man, dass dies meistens Situationen mit Konfliktpotential sind. Alles Situationen in denen der Hund mal schnell in die Leine steht, weil er sich blitzschnell und ruckartig einen riesen Satz nach vorne gemacht hat.
Wir nähern uns dem Problem.
Zweitens: Der Halsbereich ist sehr empfindlich, wichtige Gefäße, Nerven und auch eine Reihe lebenswichtiger, reizbarer Organe befinden sich hier.
Studien belegen, dass bei Hunden die stark an der Leine ziehen, sich der Augendruck signifikant erhöht. Zu abstrakt?
Erhöhter Augendruck kann Ursache von folgenden Symptomen sein:
· Kopfschmerzen
· Nebelsehen
· Trigeminusschmerz ( Nerv von der Schläfe zum Ober- und Unterkiefer)
· Übelkeit bis hin zum Erbrechen
· Sehvermögen wird auf Dauer reduziert!!!
Ein Ruck in die Leine, ins Halsband, starker Zug nach vorne – wirkt sich immer auf die komplette Wirbelsäule aus. Jeder Ruck ist wie ein Schleudertrauma, Blockaden der “Halsbandwirbel” sind gängig, Veränderungen an der Halswirbelsäule wurden nachgewiesen, Schäden am Knorpel sind die Folge. Der Grundstein für Sponylarthrosen ist gelegt. Sehr dünne Halsbänder können Bandscheibenvorfälle in der Halswirbelsäule auslösen.
Der Kehlkopf mag auch kein Halsband. Durch die permanente Reizung kann es z.B. zu einer chronischen Kehlkopfentzündung kommen.
Und die Luftröhre sagt auch “Nein” zum Halsband: durch den permanenten Zug können leichte Narben entstehen. Verengungen und chronische Entzündungen können auch hier zu weiteren Problemen führen.
Wie oben schon erwähnt ist der Hals eine recht empflindliche Region mit wichtigen Gefäßen und Nerven. Ein Halsband, das permant Druck auf den Hals ausübt schnürt auch die Blutzirkulation ab. Das Gehirn bekommt dann die panische Meldung: “… S.O.S … wir brauchen mehr Blut”, da es ja unterversorgt zu sein scheint. Deshalb erhöht der Körper den Blutdruck um die Blutversorgung des Gehirns gewährleisten zu können.
Häufig kann man lesen oder bekommt zu hören, dass Hunde im Halsbereich weniger empfindlich seien als der Mensch. Die Wissenschaft hat das noch nicht festgestellt. Es gibt also noch keine Untersuchungen hierzu.
So nun zum Geschirr. Leider ist die Welt mit dem Erwerb eine Hundegeschirres nicht sofort wieder in Ordnung. Das richtige Geschirr zu finden ist eine Herausforderung. Denn nur ein richtig sitzendes, passgenaues Geschirr erfüllt seinen Zweck. Ein gutes Geschirr, verteilt den Druck auf den Brustkorb. Es sollte aus weichem Material sein und nicht zu dünne Stege haben. Die Bewegungsfreiheit soll nicht eingeschränkt werden und es darf nichts einschnüren.
Der Lieblingskötertipp: Absolut empfehlenswert sind maßgefertigten und gepolsterten Geschirre. Am liebsten aus dem Hundesport, denn die wissen was mit Bewegungfreiheit gemeint ist. Hier sind zudem meistens Ringe, Öhsen und Verschlüsse ebenfalls gepolstert.
Immer wieder hört man die Überzeugung, ein Hund höre sicherlich von selbst auf zu ziehen, wenn er merke, dass der Druck vom Ziehen abhängt. Wie aber aus der Verhaltensforschung bekannt ist, laufen Tiere vor ihren Schmerzen davon. Druck erzeugt Gegendruck scheint hier ein bewährtes Prinzip. Eine Hundeschule, die mit Leinenruck an der Leinenführigkeit arbeitet ist mit Sicherheit nicht mehr up to date. Die Körpersprache wird durch das ruckartige Anheben des Halses und Vorderkörpers verstellt. Dadurch wirkt der Hund angriffsbereit. Zum Thema Leinenaggression sei angemerkt, dass durch den weiter hinten am Rücken angebrachten Leinenbefestigungsring ist die Hebelwirkung abgeschwächt, so dass der Hund mit einem Geschirr weniger oder gar nicht „in der Leine steht”.
Zieht ein Hund mit einem Geschirr nicht automatisch mehr an der Leine? Nicht zwingend. Weniger Druck erzeugt auch weniger Gegendruck. Probiers einfach aus!